“Und mit 70 dann der Revolver”

Wie kaum eine andere Branche ist die Tattoo- und Piercings-Szene stark geprägt durch, sagen wir, Freigeister, die Wert darauf legen, im Hier und Jetzt zu leben, ihr „Ding“ zu machen, auf ihre ganz eigene Art und Weise. Dabei wird nicht selten nach dem Motto gelebt: „Live fast, die young!“. Das macht ja auch irgendwie den Charm dieser Branche aus.

Doch was ist, wenn das mit dem „die young“ nicht so klappt, wie geplant? Herbert Hoffmann, einer der Pioniere der deutschen Tattoo-Szene, war im Alter verarmt. Sein Grabstein konnte nur durch Spenden aufgestellt werden. Ebenso lebte Samy Streckenbach die letzten Jahre seines Lebens von der Sozialhilfe. Auch er konnte nur mithilfe von Spenden anständig begraben werden. Wen es interessiert: in einem seiner letzten Interviews äußert er sich selbst zu seinem „Ruhestand“ (Interview).

Dabei waren die Kollegen weder faul noch schlecht gebucht. Ganz im Gegenteil: sie waren absolute Größen zu ihrer Zeit. Nun kann man sagen: „Sie hatten ein geiles Leben!“. Und wer will schon an morgen denken, wenn doch heute die Sonne scheint? Und wenn es heute regnet schon zweimal nicht, oder?

Interviews mit Betroffenen

Doch wie sieht das ganze aus, wenn man dann irgendwann selbst in der Situation ist, sei es durch Alter oder Unfall/Krankheit? Wir haben daher einmal bei den Veteranen der Branche umgehört. Da dieses Thema sehr persönlich und sensibel ist, werden die Antworten aus den Interviews hier unter Pseudonymen wiedergegeben.

Erfreulicher Weise haben wir tatsächlich einige Kollegen gefunden, die gut vorgesorgt haben, überraschender Weise sogar sehr konservativ, mit freiwilligen Beiträgen in die gesetzliche Rentenversicherung, Immobilienkauf und/oder die eine oder andere Lebensversicherung. Aber wir haben auch mit Kollegen gesprochen, die nichts dergleichen haben:

Ohne Altersvorsorge

Toni, 59: „Habe halt gelebt in Saus und Braus … und in Zukunft dann von Harz 4. Wie ich gelebt habe, war geil. Nur hätte ich, als ich Kohle hatte, ein Apartment oder zwei kaufen sollen, statt die Kohle NUR rauszuhauen. Wenn ich an Früher denke, kommen mir oft die Tränen. Im Alter wird man eben ein wenig sentimental. Schaue jetzt, ob ich ein neues Geschäft aufmachen kann, Kaufen/Verkaufen, egal was. Und wenn man krank wird, ne 44er kaufen und Ende. So lange es geht, eine andere Chance habe ich ja nicht. Mit 70 dann eben doch den Revolver. Du fragst, was ich heute anders machen würde? Naja, Ich glaub‘, ich hab‘ halt Scheiße gebaut.“

Chris, 67: „Ich bin schon Rentner, habe freiwillig den geringsten Satz eingezahlt und bekomme 350,- € im Monat. Reicht natürlich nicht und werde so lange arbeiten müssen, wie es geht – bis ich das Zittern anfange. Ich wäre jetzt gerne Rentner – macht nicht mehr richtig Spaß, das Tätowieren. Es hat sich so viel geändert! Meine Freundin, wir sind seit 26 Jahren zusammen, hat leider auch keine Rente. Als es uns gut ging, habe ich ihr gesagt, sie braucht nicht arbeiten. Das Geld reicht ja für zwei. Ich bin viel umgezogen mit meinem Laden (4-5 mal). Hätte die Studios behalten sollen und jemanden reinsetzen, aber ich bin halt kein Geschäftsmann. Und eine Wohnung oder Haus kaufen? Dafür habe ich zu spät angefangen (mit 43) zu tätowieren. Da brauchte ich mir nix mehr kaufen. Bis das abgezahlt ist, bin ich tot, dachte ich mir. Bin halt kein Geschäftsmann…“

Mit Altersvorsorge

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir ist vor allem der Satz hängen geblieben: „Ich wäre gerne Rentner“. Und das ist auch, was mir diejenigen zurückspiegelten, die eine Altersvorsorge haben: „Man kann zwar keine großen Sprünge machen, aber es reicht für einen sorgenfreien Lebensabend. Ich kann dem nachgehen, was ich gerne mache und darüber bin ich echt froh!“ Oder „Ich tätowier unheimlich gerne und mache das nur noch, wenn ich bock hab. Wenn nicht, spiele ich mit meinen Enkeln oder gehe Gassi mit dem Hund.“

Was man gerne macht, ist bei jedem etwas anderes: Motorradfahren, Familie, Reisen, … Gemeinsam ist, dass alle von Ihnen eine Altersvorsorge gewählt haben, die sie zum Sparen zwingt (gesetzliche Rente, Immobilie). Und fast jeder sagte: „Ich hätte noch ‘ne Immobilie kaufen sollen. Die wäre heute bezahlt und ich könnte noch etwas besser leben.“

Zusätzliche Vorteile

Die gesetzliche Rente hat übrigens, wie schonmal erwähnt, den Vorteil, dass sie gleichzeitig eine Berufsunfähigkeits-Versicherung ist. Ihr seid dann also auch abgesichert, wenn ihr durch Unfall oder Krankheit nicht mehr als Tätowierer arbeiten könnt.

Und zum Thema Immobilien: „Als wir jünger waren, haben wir’s krachen lassen: 270 m² von der Hütte haben wir selbst bewohnt und nur einen kleinen Teil vermietet. Heute, wo die Kinder aus dem Haus sind, brauchen wir das nicht mehr, haben einen großen Teil abgetrennt und zusätzlich vermietet.“ Eine Altersvorsorge halt, die schon beim Sparen Spaß machen kann.

Wichtig ist auch, dass man eine Altersvorsorge wählt, deren Wert mit der Inflation zunimmt. Denn 2.000,- € Lebenshaltungskosten im Monat heute, sind 4.000,- € in 30 Jahren und brutto ca. 5.400,- € (ja, auch die Renten-Einnahmen müsst ihr versteuern). Das summiert sich bei Rentenbeginn mit 65 und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von ~80 Jahren auf ca. 1,3 Mio. Euro, nur zum Leben!

Das eigene Studio als Vorsorge

Auch das hat der eine oder andere gemacht: im Alter das Studio an einen jüngeren Mitarbeiter überschrieben für eine gewisse monatliche Kauf-Miete. Das funktioniert jedoch nur bei größeren Studios, die noch gut laufen. Hier ist es wichtig, rechtzeitig für Nachwuchs und „frischen Wind“ zu sorgen.

Richtig Krankenversichern

Michaela, Witwe: „Auf alle Fälle krankenversichern und drauf schauen, dass die auch alles übernehmen, was einen erwischen kann! Wir haben eine gute KV inkl. Pflegeversicherung gewählt (Allianz) und 10,- im Monat mehr gezahlt, damit die im Alter nicht teurer wird. Ich zahle für meine private KV und PV heute ca. 350,- € im Monat.“

Der Hinweis mit der „richtigen“ Krankenversicherung ist wichtig. Denn bei einem anderen Kollegen, der an Krebs erkrankt war, lief das anders. Rudi: „Mein ehemaliger Chef ist auch an Krebs erkrankt und war privat versichert. Was problematisch war, da er für die teuren Behandlungen (mehrere Tausend Eure, je) immer erst in Vorleistung gehen musste. Außerdem gab es Streitigkeiten zwischen der Versicherung und der Uni-Klinik bezüglich der Abrechnungsweise, wodurch er lange gar kein Geld von der Versicherung zurückbekam. Er wusste auch nie, ob er das überhaupt wiederbekommt. Zum Glück hatte er eine Arbeitsunfähigkeits-Versicherung. Mit der, sowie den Platzmieten seiner Residents im Studio konnte er die laufenden Kosten (Studio und privat) tragen.“

Gunter, 63: „Ich bin bei der gesetzlichen KV geblieben. Die ist in jungen Jahren zwar etwas teurer, später im Alter, wenn man nicht mehr so viel hat, aber eben deutlich günstiger (ca. 250,- im Monat). Ein Kollege von mir hat sich günstig privat versichert und zahlt heute bereits 800,- € im Monat.“

Das ist ein wichtiger Punkt, den ihr beachten solltet. Wenn ihr krank werdet (z.B: Krebs, oder Unfall) und für längere Zeit nicht arbeiten können, bleiben die Beiträge der privaten KV gleich hoch, die der gesetzlichen KV passen sich eurem Einkommen an und werden günstiger.

Michaela, Witwe: „Mein Mann hat über zwei Jahre gegen den Krebs angekämpft und über 50 Chemo-Behandlungen gehabt. Das lief so: er ist für einen Tag ins Krankenhaus und saß am nächsten Tag wieder im Studio und hat tätowiert, teilweise mit Sauerstoffgerät. Die 500,- € pro Monat aus der Pflegeversicherung (Pflegestufe 1), haben zwar echt geholfen, aber reichten natürlich nicht. Für ihn war’s zum Glück kein Problem, denn er hat für seine Arbeit und sein Studio gelebt.“

Festanstellung

Eine solide Rundum-Absicherung hat man, wenn man nicht selbständig arbeitet, sondern als Angestellter. Klar, es bleibt am Monatsende weniger Cash übrig, aber, wie das Beispiel von Michi, 63, zeigt: „Frank, einer meiner Tätowierer (er ist fest bei mir angestellt), hatte vor kurzem einen schweren Unfall mit Lungenriss. Kam in die Notausnahme, 2 OPs, 2 mal Intensiv und so und ist für einige Wochen ausgefallen. Wenigsten musste er sich keine Sorgen über seine Miete und so machen, da er natürlich sein Gehalt weiter bekommen hat. Und ich schicke einfach die Krankmeldung ein und bekomme 70 % davon von der KV wieder.“ Das funktioniert übrigens nicht nur für eure Tätowierer und Piercer, sondern auch für euch als Studio Inhaber (siehe unser Info-Mail „Was tun, wenn nichts mehr geht?“).

Euer

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