Die Zeiten für Tätowierer*innen in Deutschland sind derzeit anspruchsvoll, insb. wenn man nicht in den Trend-Bereichen arbeitet. Viele stehen sprichwörtlich mit dem Rücken an der Wand und wissen kaum noch, was sie machen sollen. So hart dies ist, liegt darin auch eine Chance: zu Veränderungen.
Wir haben ein Interview mit Stefanie Nagel vom Hamburg City Ink zu diesem Thema geführt. Wer „Hamburg Tattoo“ googelt, kommt an Hamburg City Ink nicht vorbei.

Lemmi: „Steffi, ihr habt Hamburg City Ink 2011 gegründet, damals noch mit bis zu 11 Artists. Wenn ich mich recht erinnere, wart ihr eines der ersten Studios, die ständige Walk-In-Termin angeboten habt.“
Steffi: „Das ist korrekt. Wir hatten nie ein Problem damit, auch spontane Tattoos (z.B. für Touristen) anzubieten. Das drängt sich in einer Stadt wie Hamburg geradezu auf. In der Zeit haben wir eine hohe Online-Visibility aufgebaut (Google, Insta etc.), die uns heute noch zugutekommt. Das Konzept ging auf und wir erzielten einen Jahresumsatz vom 1,5 Mio € in den besten Jahren“

Lemmi: „Wir begleiten euch ja seit 2017 und wenn ich mich recht erinnere, hattet ihr kisscal eigentlich immer nur als Terminkalender genutzt, richtig?“
Steffi: „Ja, das ist richtig. Es lief ja alles prima und ehrlich gesagt waren mir Themen wie Online-Buchung und KI im Kundenkontakt suspekt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sowas von der Kundschaft angenommen wird, und mir waren meine Mitarbeiter lieber als ein System.“
Lemmi: „Und dann kam Corona…“
Steffi: „Ja, genau. Und wer damals wie wir ein größeres Studio mit bis zu 6 kaufmännischen Mitarbeitern*innen betrieben hat weiß, dass KUG und ÜH3 die finanziellen Löcher nicht wirklich geschlossen haben, welche der Lockdown bei uns hineingerissen hat. Zudem wurde mein Mann in dieser Zeit sehr krank und ist 2022 leider verstorben. So habe ich mich aus dem operativen Studio-Geschäft mehr und mehr zurückgezogen habe, was auf lange Sicht natürlich nicht gut geht. Als dann Mitte 2024 meine letzte Shop-Managerin von einem Tag auf den anderen auch noch ging, musste ich handeln. Denn wieder jeden Tag im Studio hinter dem Tresen stehen war für mich keine Option mehr und derzeit gute Leute finden? Naja…“
Lemmi: „Ich erinnere mich. Du hattest angerufen und meintest, ´Wir müssen jetzt unbedingt was tun!´.“
Steffi: „Worüber ich heute froh bin! Ich habe schnell gemerkt, dass die Online-Funktionalität dem Anspruch der neuen Kundschaft (18-25) absolut entgegenkommt. Die wollen keinen persönlichen Kontakt mehr. Ins Studio kommen, um einen Termin auszumachen, das sind Leute mit Namen wie ´Jörg´ oder ´Günter´. ´Ann-Marie´ und ´Rahel´ wollen lieber anonym und jederzeit online buchen. Auch das mit der KI bei den Tattoo-Anfragen ist ein echter Game-Changer: Ich bin heute wesentlich schneller mit meinen Angeboten beim Kunden und das bei weniger Arbeit für mich.“
Lemmi: „Und wie läuft dein Studio heute?“
Steffi: „Wir haben Mitte letzten Jahres unsere zweite Filiale eröffnet und ich arbeite jetzt nur noch mit Residents, ein tolles Team von 7 Tätowierer*innen und gelegentlich ein regelmäßiger Guest-Artist. Ich habe alles digitalisiert, so dass ich eigentlich nur noch ins Studio kommen muss wenn ich mag. Jeder Artist hat bei uns sein/ihr eigenes kleines Reich und kümmert sich individuell um die Kunden. Für kleinere Reparaturen und Ware-Einräumen habe ich einen verlässlichen Mini-Jober. Neulich wurde ich gefragt, ob ich beim Shop-Management Unterstützung brauchen könnte, aber ehrlich gesagt wäre es gar nicht mehr genug Arbeit für Zwei.“
Lemmi: „Das heißt, bei dir ist alles im grünen Bereich?“
Steffi: “Naja, Stillstand ist Rückschritt, vor allem in den heutigen Zeiten. Daher habe ich schon noch einige Themen auf meiner Agenda, die ich gerne weiter optimieren möchte. Das Walk-In-Geschäft würde ich z.B. gerne noch weiter automatisieren, dass es mich zeitlich nicht mehr so bindet (am Telefon). Ebenso das Thema Terminkautionen nachfassen und natürlich Google- und Insta-Kampagnen direkt mit dem System koppeln, so dass die Leads in meine bestehenden Arbeitsabläufe einfach mit einfließen. Denn von diesen ´Wir füllen deinen Kalender´-Angeboten, mit denen gerade die sozialen Medien geflutet werden, halte ich wenig. Ich denke, da erzielt man bessere Erfolge mit weniger Geld, wenn man es richtig macht.“
Lemmi: „Da helfen wir natürlich wieder gerne. Danke für das Interview!“

In Wirklichkeit haben wir knapp zwei Stunden telefoniert und über Gott, die Welt und noch vielen anderen Dingen gesprochen und es ist mir immer wieder eine große Freude mit jemanden aus der Szene zu sprechen, die sich schon sehr früh als Frau und (böse!) Nicht-Tätowiererin erfolgreich im Markt etabliert hat. Umso mehr freut es uns, dass wir helfen konnten und können, Hamburg City Ink auch in schwierigen Zeiten auf solide Füße zu stellen.
Euer
